22.8.2017

Geschmetterte Worte, gesprochene Bilder

Bernard Hoffmeister und Maximilian Rünker hatten zur Poetry Slam-Lesung in die Künstlerstadt-Festscheune eingeladen

 

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Bernard Hoffmeister (links) trug vor allem seine Slam Poetry, also moderne Lyrik vor. Maximilian Rünker las seine Kurzgeschichten. Die beiden haben sich bei Lesebühnen kennengelernt. © Koerdt

 

Von Hanna Koerdt

Kalbe. Das Publikum hatte, bevor der erste Text dargeboten wurde, unter Anleitung der beiden Interpreten das Ausbuhen geübt. Glücklicherweise blieb es am Sonntagabend auch nur bei der Übung. Denn es gab Applaus für Bernard Hoffmeister und Maximilian Rünker, die zur ersten Poetry Slam/Lesung/Quizshow eingeladen hatten.

 

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Zum Schmunzeln und Nachdenken und natürlich zum Applaudieren brachten die Autoren ihr Publikum in der Festscheune. © Koerdt

 

„Ich sehe mir schon bekannte, aber auch unbekannte Gesichter“, freute sich Max Rünker, der seit einigen Monaten in Kalbe lebt und noch bis Oktober als Koordinationsstipendiat für die Künstlerstadt arbeitet. Eigentlich kommt er aus Düsseldorf, so wie Bernard Hoffmeister. Die beiden 28-Jährigen haben Medien- und Kulturwissenschaften studiert, sich aber erst richtig bei Lesebühnen-Abenden gefunden. Seit vier Jahren stellt Max seine Kurzgeschichten auf Lesebühnen und bei Open-Mic-Abenden vor, Bernard hat sechs Jahre Bühnenerfahrung. Er organisiert auch selbst Bühnen und Wettbewerbe, denn schließlich ist ein Poetry Slam die moderne Form des Dichter-Wettstreits. In der Festscheune der Künstlerstadt Kalbe herrschte aber kein Wettstreit, sondern ein friedlicher Lesewechsel zwischen den beiden Jungautoren. Bernard slammte zum Beispiel einen Text über – wer kennt es nicht – das Aufschieben, oder wie er es nennt „die Interpassivität“. Interpassiv ist es, wenn man sieben Staffeln der Mafiaserie „Sopranos“ aufnimmt, um sie sich dann nie anzusehen. Oder drei Stunden am Kopierer 144 Seiten aus einem Buch zu kopieren, sie nie zu lesen, sondern sie im „Ordner des ewigen Vergessens“ abzuheften. Im Slam „Von guten Menschen und dem Gut Mensch“ treffen der Poetry Slammer, der Abiturient und der Naive aufeinander. Während der Poetry Slammer und der Abiturient über Ideale wie „Feminismus, Gleichberechtigung, wählen gehen, Bücher lesen, Fahrrad fahren, Zero Waste, Bio-bewusst-ernähren, Saatgut-fairfältig-sein, weniger saufen, mehr Sport, (...), Ignoranz vermindern, den Liebeskummer der Freunde lindern, (...), auf Propaganda pfeifen, die Initiative ergreifen...“ und das Scheitern an sich selbst debattieren, fragt der Naive nach der Menschlichkeit: „Keiner fragt mehr: Wie fühlt es sich an, wenn man nur noch nach dem Rechten schaut, aber die Menschlichkeit schon lange links liegen gelassen hat?“. Wort um Wort schmetterte Bernard wiederum in Sport-Kommentator-Manier bei der „Tour de capitalisme Francé“, einer sportlichen Dauerwerbesendung. Wichtiger als die Leistung des Radfahrers ist die Tatsache, dass er schöne Haare hat, meint sein Sponsor, der Shampoo-Hersteller. Max schlug hingegen leisere Töne an, als er über ein Mädchen und die Entzauberung der Liebe las, die sie beim „Schützenfest“, so der Titel seiner Kurzgeschichte, erfährt. Ein Bild, eine Momentaufnahme, so intensiv und detailliert, wie, als würde man gerade selbst blutend auf der Ladefläche des Wagens liegen, wurde in „Laub und Diesel“ lebendig. Und das Publikum war ganz still und horchte. Selbst aktiv durften die Zuhörer allerdings auch werden. Denn auf dem Tisch auf der Bühne stand flüssiger Lesestoff: Jim Beam. Ein Gläschen davon gab es für die Antworten auf Quizfragen, schließlich schreibt Bernard hauptberuflich Fragen für Fernsehquizsendungen. Und das Publikum antwortete fleißig und richtig. Im Schnaps, und nicht im Wein, liegt offenbar die Wahrheit.

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